Wenn es so etwas wie eine unendliche Geschichte unter Tanzsportlern gibt, dann ist es das Thema "Körperaufbau".
Ausgerechnet die Riege der Discofox-Tänzer scheint an dieser Stelle aber systembedingt einigen Nachholbedarf
zu haben. Gemeint ist damit, dass Ballettänzer z.B. vom ersten Tag an auf einen bestimmten Stand und eine
bestimmte Körperhaltung eingeschworen werden. Standard- und Lateintänzern wird früh in den Tanzschulen
oder Clubs erklärt, dass sie nur weiter kommen können, wenn sie an ihrem Stand und ihrem Körperaufbau
arbeiten, weil nur auf dieser Basis gutes Tanzen möglich ist.
Discofox-Tänzer lernen meistens nur wenige Schritte in den Tanzschulen und erlangen ihre Routine dann
auf Partys oder in diversen Discotheken. Viele Paare überspringen den Schritt mit der Tanzschule gar völlig,
weil sie Discofox in geselliger Runde von Freunden erlernen - quasi "on the job".
Als Folge dieses Umstandes sind viele Discofox-Tänzer schon sehr tanzerfahren, sehr routiniert in ihren
Bewegungsabläufen - negativ formuliert eingefahren - wenn sie zum ersten mal durch Trainer oder fortgeschrittene
Paare auf das Thema Körperaufbau gebracht werden.
Schon die Tatsache, dass bis in die höchsten Tanzklassen hinein bloßes Stehen und Sichaufstellen immer wieder trainiert und verfeinert werden müssen, sollte Hinweis genug sein, dass auch hier mit ein paar Sätzen das Problem nicht abschließend erörtert werden kann. Einige besonders auffällige Beobachtungen sollen trotzdem angesprochen werden.
Zunächst bekommt jeder Tänzer gesagt, er solle gerade stehen. Doch was ist gerade stehen?
Sieht man sich einen menschlichen Körper an, so steht er auf zwei Füßen, deren Sohlen zumindest beim Stehen
parallel zum Boden verlaufen. Fast schon zu einfach könnte man denken! Wenn ich mir dann aber ganz
unbedarft "gerade stehen" vorstelle, würde ich davon ausgehen, dass ich meinen Körper oberhalb der Füße
möglichst auf eine gedachte Gerade bringen sollte (wie der Name ja schon nahe legt), um diese dann
in einen rechten Winkel zu meinen Füßen (also auch zum Boden) stellen. Was könnte gerader sein als ein
gestreckter Körper, im rechten Winkel zum Boden?
Erste Zweifel kommen auf, wenn man sich das Ergebnis einer solchen Überlegung einmal ansieht.
[vgl. Abb. rechts]
Wem es wirklich gelingt, absolut gerade und im rechten Winkel zu seinen Fußsohlen zu stehen, der steht
mit seinem Körperschwerpunkt über seiner Ferse. Außerdem erfordert es durchgedrückte Beine, wenn man
seinen Körper wirklich auf eine gedachte Gerade bringen möchte. Im Ergebnis wirkt die Dame rechts auf
dem Bild irgendwie steif und unbeweglich und lädt nicht wirklich zum Tanzen ein.
Stellen wir die Dame hingegen leicht ins Knie, bringen ihren Körperschwerpunkt etwas nach vorn und lassen sie
nicht mehr stocksteif und geometrisch gerade stehen, wird es schon deutlich besser! [Abb. links]
Der Körperschwerpunkt liegt jetzt auf einem gedachten Lot über der Fußmitte und nicht mehr oberhalb der
Ferse. Dort steht es sich deutlich flexibler und vor allem auch sicherer. Aus dieser Position kann der
Tänzer / die Tänzerin dynamisch Bewegungen aus der Wadenmuskulatur heraus einleiten. Durch Anspannen und
Verkürzen des Wadenmuskels bewegt der Körper sich nach hinten, durch Entspannen der Muskulatur wird eine
Vorwärtsbewegung ausgelöst.
Im täglichen Leben ist gerade die letztgenannte Variante automatisierte Bewegungsroutine. Wann immer wir gehen und stehen nutzen wir im Normalfall diese Abläufe. Einzig die aufrechte Körperhaltung (durch die Verlagerung des Körperschwerpunktes nach vorn entsteht ein sanft geschwungener Bogen) halten die meisten von uns leider nicht dauerhaft durch.
Warum dann aber die ganze Geschichte, wenn doch die meisten von uns automatsich richtig stehen?
Wer sich auf den Tanzflächen einmal umsieht - auch auf den Turniertanzflächen - sieht dort nur zu
oft zwei entspannte, aufrechte Menschen sicheren Schrittes das Parkett betreten ...
Dann beginnt die Musik, die beiden fassen sich an und nach wenigen Schritten ist eben diese
Natürlichkeit dahin. Über die Gründe dafür kann man lange spekulieren und sicher gehören auch
Nachlässigkeiten im Bereich Führung zu den Auslösern, im Ergebnis aber bleibt festzuhalten,
dass eine Vielzahl von Tänzern sich selbst ihrer Dynamik und motorischen Flexibilität beraubt,
indem sie ihren Körperschwerpunkt zu hoch und zu weit hinten trägt.
Wie schon eingangs erwähnt, sind diese wenigen Sätze hier sicherlich ungeeignet, daran etwas zu ändern. Zudem gibt es eine Reihe von Tänzern und Tänzerinnen, die sich seit langer Zeit Gedanken über die beschriebene Problematik macht. Beim nächsten Tänzchen oder beim nächsten Training mal (wieder) ein Auge auf die eigene Haltung und den Stand zu richten, schadet aber sicher keinem von uns!?