Im ersten Kapitel zum Thema Führung soll es um die Verbindung der Tanzpartner untereinander gehen. Der Einfachheit halber werden sich die Betrachtungen auf den Regelfall der offenen Tanzhaltung (ihre rechte Hand in seiner linken Hand) beschränken. Sie sind aber mit weitestgehend übertragbar auf andere denkbare Tanzhaltungen.
Das Bindeglied zwischen dem Herrn und der Dame sind die gefassten Hände. Da sie oftmals die einzigen
Berührpunkte sind, sind sie auch der zentrale Übermittlungsweg für die Führung des Herrn. Sie legt ihre Hand
in seine, sie spüren einander und wenn ein wenig Spannung fühlbar wird (dazu später mehr) dann spürt man auch
schon die Möglichkeiten, damit auf den Partner einzuwirken.
Wegen der hohen Komplexität des Themas soll nachfolgend in verschiedenen Schritten sich dem korrekten Gefühl
für Führung genähert werden.
Die ideale Höhe für die gefassten Hände ist die Höhe, in der der Tänzer am besten auf seine Partnerin einwirken
kann. Ziel von Führung ist ganz allgemein gesagt die Initiierung einer Bewegung bei der Partnerin, im Regelfall
einer Fortbewegung, also eines Körpertransportes.
Und wie hier in schöner Regelmäßigkeit immer wieder skandiert, geht das am besten durch Einwirkung auf den
Körperschwerpunkt der Tänzerin. Dieser liegt (die Standpunkte dazu variieren ein wenig) irgendwo im Bereich
der Taille. Da liegt es nahe, die gefassten Hände möglichst auch in dieser Höhe zu halten,
weil so direkt durch Einwirkung auf den Körperschwerpunkt eine Bewegung der Tänzerin eingeleitet werden kann
Um es klar zu sagen: das ist eine Idealvorstellung!
Beim Tanzen bewegen sich die Partner aufeinander zu und sie entfernen sich voneinander. Das führt ganz
automatisch zu verschieden hohen Händen und Armen, einfach weil die Länge der Arme konstant bleibt.
Was bleibt ist zweierlei:
a) Das Bemühen sollte schon sein, in dieser Idealhöhe zu führen!
b) Wer so groß(-schrittig) tanzt, dass jede Figur sehr weit entfernt vom Partner endet, provoziert hohe Hände!
Etwas ganz anderes sind höhere Handhaltungen als Stilmittel, also als Effekt! Zwar bergen sie das gleiche Problem, nämlich eine Führung, die oberhalb des Körperschwerpunktes übertragen wird, im Gegensatz zu den oben beschriebenen Fällen ist hier dieses Problem aber bewusst in Kauf genommen worden für den besonderen Look.
Wie dieses Problem zu behandeln ist, ist mir persönlich bis heute nicht ganz klar.
Ich habe eine Idee, wie es gehen könnte und auch das Gefühl, als würde es in der Praxis funktionieren. Da aber
solche Gefühle gern mal täuschen und es auch das psychologische Problem sich selbst erfüllender Prophezeihungen gibt,
möchte ich die Idee an dieser Stelle zur Diskussion und auch zu praktischen Falsifizierung stellen.
Theoretisch müsste es funktionieren, lediglich die "Führungsrichtung" zu ändern, also diagonal nach unten auf
den Körperschwerpunkt der Dame zu. So würde der Herr weiterhin korrekt auf den Körperschwerpunkt der Dame
einwirken und gleichzeitig - wie immer - Druck (oder bei umgekehrter Richtung Zug) ausüben. Das "Nach-unten-Führen"
würde von der Dame schlicht durch entsprechend geringfügiges Senken des Armes quittiert, sie wird sicher nicht
gleich in die Knie gehen. Die gleichzeitig vorgegebene Richtung aber könnte sie ganz normal wie immer als Impuls
aufnehmen und in eine (Fort-) Bewegung umsetzen. Für die Mathematiker unter den Lesern könnte man sogar noch darüber
diskutieren, ob diese Führungsdiagonale nicht eine Art Diagonale im rechtwinkligen Dreieck ist und
dementsprechend der Impuls des Herrn verstärkt werden müsste um den Faktor, den der Richtungsimpuls durch
die veränderte Richtung gemindert wird. Das wäre quasi Pythagoras für Tänzer ... als Gedankenspiel aus meiner
Sicht sehr reizvoll, dem lebendigen Gedanken des Tanzens aber wohl weniger angemessen!?